10 Unterschiede zwischen allergischem Asthma und COVID-19

Das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 kann zu Beschwerden der Atemwege führen, die denen einer Asthma-Erkrankung durchaus ähnlich sind. Viele Menschen mit allergischem Asthma sind dadurch verunsichert, ob ihre Symptome nicht auch auf CoVID-19 zurückzuführen sein könnten. Prim. i.R. Dr. Gert Wurzinger, Lungenfacharzt und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der IGAV, klärt auf.

 

Asthma bronchiale zählt zu den häufigsten chronischen Erkrankungen der Atemwege und betrifft 5% der Erwachsenen und sogar 10% der Kinder und Jugendlichen in Österreich. Die Ursache von Asthma bronchiale ist eine Überempfindlichkeit der Bronchien aufgrund einer besonderen Entzündung. Dadurch kommt es zu einer Verkrampfung der Bronchialmuskulatur, die sich als Atemnot mit pfeifenden, giemenden oder brummenden Atemgeräuschen zeigt.

CoVID-19 ist eine Erkrankung, die durch ein besonderes Virus ausgelöst wird und viele Organe des Körpers (Verdauungsorgane, Lymphknoten, Muskeln, Herz, Hals, Zentralnervensystem u.v.m.) betreffen kann. Das am stärksten betroffene Organ ist jedoch die Lunge. Die Leitsymptome sind demnach Husten, Atemnot und Fieber im Rahmen einer unterschiedlich stark verlaufenden Lungenentzündung. Über 80% der Erkrankungsfälle verlaufen jedoch mild bis moderat.

Asthma und CoVID besitzen ähnliche Merkmale, sodass eine Differenzierung beider Erkrankungen mitunter Probleme bereiten kann. Folgende Erkrankungsmuster sollen jedoch Klarheit bringen:

Vorgeschichte

Die Allergiesymptome bestehen oft schon seit der Kindheit oder Jugend. Saisonale Asthmabeschwerden treten jedes Jahr zur selben Zeit der Pollenbelastung auf und zeigen je nach Allergenbelastung unterschiedlich starke Symptome auch mit beschwerdefreien Intervallen. Bei ganzjährigen Allergenen (z.B. Hausstaubmilben, Tierhaare etc.) ist das Asthma anamnestisch leicht auf die auslösenden Situationen zurückzuführen (Staubsaugen, Bettenmachen, Tierkontakt usw.). CoVID-19 ist geprägt durch einen plötzlichen, nicht vorhersehbaren Krankheitsbeginn, der moderat bis schwer verlaufen kann (1. Hinweis).

Husten

Gelegentlich kann auch ein hartnäckiger, trockener Husten im Rahmen des Asthmas auftreten (oft bei Allergenexposition oder nach körperlicher Anstrengung), der jedoch wie die Atemnot gut auf die inhalativen Asthma-Medikamente anspricht. Gelegentlich wird auch zähes, glasig-klares oder gelbes Sputum abgehustet. Hausstaubmilbenallergiker leiden oftmals an morgendlichem Verschleimtheitsgefühl. Ein Hauptsymptom von CoVID-19 ist ebenfalls ein trockener, bellender, unstillbarer Husten. Die inhalativen Asthmamedikamente haben jedoch keine Wirkung auf den Husten (2. Hinweis).

Atemnot

Allergisches Asthma kann durch saisonale Allergene wie Pollen ausgelöst werden. Gerade im Zeichen des Klimawandels kann die Pollenbelastung oft extreme Ausmaße annehmen und Ursache schwerer Asthmaanfälle sein. COVID ist geprägt von einem grippeartigen Krankheitsbeginn, unabhängig von einer Allergenbelastung (3. Hinweis).

Inhalation

Auch die meist akut auftretende Atemnot bei Asthma kann durch die Inhalation des Asthma-Medikaments rasch gebessert werden, Atemnot bei CoVID tritt ohne Atemgeräusche allmählich auf und kann durch Asthma-Medikamente nicht abgeschwächt werden (4. Hinweis).

Fieber

Ein häufiges Symptom der Corona-Viruserkrankung ist Fieber, das entweder rasch oder über einige Tage hinweg bis auf 39°C oder darüber ansteigt. Asthma geht nie mit Fieber einher (5. Hinweis).

Müdigkeit, Mattigkeit, Abgeschlagenheit

CoVID-Patienten klagen meist über ausgeprägte Müdigkeit, Mattigkeit und Abgeschlagenheit ohne vorherige schwere körperliche Belastung. Bei einem schweren Asthmaanfall mit massiver Verkrampfung der Bronchien kann es zu Erschöpfung kommen, diese ist jedoch bedingt durch die Ermüdung der Atemmuskulatur und geht meist mit Atemgeräuschen und kämpfender Atemtätigkeit einher. Morgendliche Müdigkeit bei Hausstaubmilbenallergikern kann durch häufiges nächtliches Aufwachen infolge von Hustenanfällen, Atemeinschränkung oder behinderter Nasenatmung verursacht sein. Die meisten Asthmatiker wissen Bescheid über die Auslösefaktoren ihres Asthmas (6. Hinweis).

Mitbeteiligung der oberen Atemwege

Als obere Atemwege werden Nase mit Nebenhöhlen, Augenbindehaut, Gaumen, Mund, Rachen und Kehlkopf bezeichnet. Allergisches Asthma tritt oft gemeinsam mit Heuschnupfen auf. Dabei kommt es zu juckender Nase, Fließ- oder Stockschnupfen, Niesanfällen, Fremdkörpergefühl, Juckreiz oder Brennen der Augen verbunden mit Tränenfluss und Rötung, Juckreiz im Mund-Rachenbereich, kratzendem Gefühl im Hals und sogar oft zu Juckreiz in den Gehörgängen. Diese Symptome sind auch typisch für das sogenannte „Orale Allergie-Syndrom“, das bei Birkenpollenallergie oft nach Genuss von Stein- und Kernobst, Kiwis oder Nüssen auftritt. Kortisonhaltige Nasensprays oder Antihistaminika in Tropfen- Spray- oder Tablettenform führen rasch zur Verminderung der Beschwerden. Eine Beteiligung der oberen Atemwege bei CoVID-19 als Schnupfen ist eine Rarität, Juckreiz wurde bisher nicht beschrieben (7. Hinweis).

Halsschmerzen, Lymphknotenvergrößerung

Corona-Patienten klagen manchmal unter Halsschmerzen und vergrößerten Lymphknoten im Halsbereich, Symptome die bei Heuschnupfen oder Asthma untypisch sind (8. Hinweis).

Muskel- oder Gelenksschmerzen

Muskel- oder Gelenkschmerzen sind typische Symptome von Viruserkrankungen, können sogar als Ganzkörperschmerz massiv vorhanden sein, treten aber bei allergischen Erkrankungen der Atemwege nie auf (9. Hinweis).

Kopfschmerzen

Stirn-Kopfschmerzen oder Druckschmerz über den Augenbrauen können bei Nasennebenhöhlen-entzündungen – verursacht durch Krankheitskeime oder Allergene – auftreten. Kopfschmerzen bei COVID werden eher als helmartig und massiv beschrieben.

Geruchs- und Geschmacksverlust

Ein vorübergehender Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns kann im Verlauf der CoVID auftreten, nicht jedoch bei allergischem Asthma (10. Hinweis). Eine Einschränkung des Geruchsinns ist bei schwerem Heuschnupfen allerdings möglich.

Übelkeit, Erbrechen, Durchfall

Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall sind vor allem zu Beginn einer CoVID möglich, können aber auch durch Nahrungsmittelallergien oder -Intoleranzen ausgelöst werden. Dabei unterscheidet sich das gesamte Krankheitsbild ohne Fieber, Muskel- oder Ganzkörperschmerzen von CoVID.


Asthmatherapie während der Corona-Pandemie

Bisherige wissenschaftliche Untersuchungen sowohl in China wie auch in Europa bestätigten, dass allergisches Asthma und Allergien der oberen Atemwege keinen Risikofaktor zur Infektion mit CoVID-19 darstellen. Auch gibt es keine Hinweise, dass infizierte Allergiker oder Asthmatiker ein höheres Risiko haben, daran zu erkranken. Wichtig ist jedoch die optimale medikamentöse Einstellung, sodass das Asthma als stabil bezeichnet werden kann. Dies ist von umso größerer Bedeutung, als Virusinfekte Asthmabeschwerden verstärken können, umso mehr, wenn das Asthma schlecht eingestellt ist.

Das wichtigste „Asthma-stabilisierende“ Medikament ist das inhalative Kortison. Es gibt zudem in der Literatur keine Hinweise, dass das Infektionsrisiko an SARS-COV-2 erhöht wäre. Aus diesem Grund sollte eine Reduktion der bronchialerweiternden und entzündungshemmenden Inhalationstherapie unbedingt vermieden werden. Diesbezügliche Empfehlungen wurden auch von der Deutschen und Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie ausgegeben (siehe https://www.ogp.at/stellungnahme-asthma-patienten-und-covid-19).

Sofern der Asthma-Schweregrad die Verabreichung von Biologika erfordert, sollte von dieser Therapie nicht abgegangen werden, insbesondere da sogar ein positiver antiviraler Effekt erwartet werden kann.

Als Vorbedingung für ein gut eingestelltes allergisches Asthma zählt jedoch in besonderem Maße die Verminderung des Allergenkontakts, um die Entzündungsreaktion in den Bronchien möglichst gering zu halten. Bei einer Pollenallergie sollte der Aufenthalt im Freien bei trockenem Wetter auf ein Mindestmaß reduziert werden. Eine Alternative ist das in „Corona-Zeiten“ vorgeschriebene Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes während der Spaziergänge nicht nur bei möglichem Personenkontakt, sondern permanent.

Weitere sinnvolle Empfehlungen zur Allergenvermeidung sowohl bei saisonalen als auch bei ganzjährigen Allergien sind auf dieser Website bzw. unter www.pollenwarndienst.at zu finden. Ein „vorsorgliches Absetzen“ der allergenspezifischen Immuntherapie (Hyposensibilisierung) während der Corona-Pandemie ist nicht gerechtfertigt. Bei Infekt-Hinweisen wie Fieber und eingeschränktem Allgemeinzustand sollte die Immuntherapie wie bisher pausiert werden.

Neue hochwertige Studien haben gezeigt, dass Patienten, die mit Kortison behandelt wurden, auch eine deutlich bessere Prognose hatten als jene, die nicht mit Steroiden behandelt wurden. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie gilt es als oberstes Gebot, das Asthma stabil zu halten und Arztbesuche oder Krankenhausaufenthalte aufgrund einer Entgleisung des Asthmas zu vermeiden.