Plötzlich Frühling:Pollenjahr bleibt pollenreich
10.03.2026

Österreichs Pollenallergiker wurden heuer von der abrupt einsetzenden Pflanzenblüte kalt erwischt. Sie berichten von besonders ausgeprägten Beschwerden, denn der plötzliche Beginn ließ dem Körper keine Zeit, sich an die Belastung anzupassen. Aktuelle Prognosen deuten auf insgesamt hohe Pollenkonzentrationen im heurigen Jahr hin, wie der Österreichische Polleninformationsdienst (ÖPID) im Rahmen bei einer Pressekonferenz berichtete. Der ÖPID bietet leidgeplagten Allergikern wissenschaftlich fundierte Information zum Pollenflug im ganzen Land und konkrete Hilfestellung – individuell auf die Bedürfnisse jedes Allergikers zugeschnitten. Neu im Angebot sind innovative Services wie „Pollee“, eine KI-gestützte Assistentin, die qualitätsgesichert Wissenswertes rund um das Thema Pollenallergie liefert, sowie das „Pollinar“, ein Webinar-Format, das im April in Kooperation mit der Patientenplattform IGAV startet.

Eben noch winterlich kalt und tief verschneit, plötzlich fliegen die Pollen. Mit der schlagartig einsetzenden Blüte von Hasel und Erle hatte die Pollensaison heuer zwar später, aber überraschend intensiv begonnen. Das bereitete vielen Allergikern Probleme – sie spüren ihre Beschwerden durch den abrupten Start besonders stark. „Die Belastungen durch die Frühblüher werden in den Niederungen und Tallagen vermutlich noch bis Ende März anhalten, aber bereits in der kommenden Woche deutlich an Intensität verlieren“, informiert Lukas Dirr, MSc, Aerobiologe beim Österreichischen Polleninformationsdienst (ÖPID).

Am Start: Palmkätzchen, Esche und Birke

Derzeit blühen auch die flauschigen Kätzchen der Sal-Weide – im Volksmund als Palmkätzchen bekannt. Auch ihr Pollen ist als mäßig allergen eingestuft. Allergikern ist es empfohlen, sich die Zweige dieses vorösterlichen Frühlingsboten nicht zu dekorativen Zwecken in das Wohnzimmer zu stellen. Zudem sind Weiden im frühen Frühling die erste wertvolle Nahrungsquelle für Wild- und Honigbienen. Sensibilisierte Personen können außerdem auf Pollen verwandter Arten reagieren, etwa auf Pappeln, und Effekte mit zeitgleich fliegenden Frühblühern (Hasel, Erle) können sich verstärken.

Mit der Blüte der Esche folgt zwischen Mitte und Ende März die nächste Belastungswelle und auch die Birkenblüte beginnt voraussichtlich in der zweiten Märzhälfte. Es deutet vieles auf eine starke Saison hin. „Da auf ein schwächeres Birkenjahr meist ein stärkeres folgt und 2025 unterdurchschnittlich verlief, ist heuer mit einer deutlich höheren Pollenproduktion zu rechnen“, so Dirr. Aber Achtung: Viel Pollen heißt nicht immer starke Beschwerden. Entscheidend ist auch der Verlauf der Saison. Steigt die Belastung langsam an, kann sich der Körper besser anpassen. Ein abruptes Einsetzen und starke Temperaturschwankungen während der Saison hingegen werden häufig als besonders belastend wahrgenommen. Zusätzlich können Luftschadstoffe die Allergenität der Pollen erhöhen und Symptome verstärken. Dies zeigt sich aktuell beim Saharastaub, der als Feinstaub die Schleimhäute in Nase, Rachen und Augen reizt und die „Tür“ für intensivere allergische Reaktionen weiter öffnet.

Die Gräserblüte beginnt in der Regel Anfang Mai. Im Spätsommer kann zusätzlich die Schilfblüte rund um den Neusiedler See und in Seenregionen Kärntens zu Belastungen führen. Beifuß erreicht meist Mitte August seinen Höhepunkt. Der Einjährige Beifuß (Artemisia annua) sorgte in den letzten Jahren im Spätherbst und das Unkraut Ragweed von August bis in den Oktober hinein für Belastungen. Ein Ausblick auf die Intensität dieser Pollensaisonen ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich. Dirr: „Durch klimatische Veränderungen verschieben sich die Blühzeiten vieler allergieauslösender Pflanzen: Sie beginnen früher, dauern länger und fallen teilweise intensiver aus. Die pollenfreie Zeit schrumpft dadurch zunehmend und umfasst oft nur noch wenige Wochen im Jahr.“

Österreichweite Polleninformation seit rund 50 Jahren

Der Österreichische Polleninformationsdienst (ÖPID) ist seit knapp fünf Jahrzehnten die zentrale Einrichtung für Erfassung, Analyse und Kommunikation der Pollenbelastung. Inzwischen bietet der ÖPID nicht nur Allergikern, sondern auch Ärzten und weiteren Fachgruppen kostenlose Information zur aktuellen Pollensituation über unterschiedlichste Kanäle. „Unser Messnetz umfasst 25 Pollenfallen in allen Bundesländern,“ sagt HNO-Mediziner und ÖPID-Leiter Dr. Markus Berger und führt weiter aus: „Österreich vereint drei unterschiedliche Klimazonen. Entsprechend vielfältig verläuft der Pollenflug und die Belastungssituationen können sich regional erheblich unterscheiden.“ Diese Unterschiede betreffen nicht nur den Zeitpunkt des Pollenflugs, sondern auch Intensität, Dauer und die dominierenden Pflanzenarten. Für Allergiker ist es daher entscheidend zu wissen, wie die Situation konkret an ihrem Wohn-, Arbeits- oder Urlaubsort aussieht.

Frag Pollee, die KI-Assistentin für Allergiker

Um Menschen mit Pollenallergie noch gezielter und rund um die Uhr zu unterstützen, wurde die digitale Assistentin „Pollee“ entwickelt. Nach einer erfolgreichen Pilotphase läuft der KI-gestützte Chatbot nun im Vollbetrieb auf dem internen ÖPID-Server. Ein Pluspunkt nicht nur in puncto Datensicherheit, sondern auch aus ökologischer Sicht. Das Besondere: Der Chatbot greift ausschließlich auf geprüfte Quellen im lokalen Netzwerk zurück. Dadurch sind die Antworten fachlich korrekt, qualitätsgesichert und auf die Situation in Österreich abgestimmt. Im Februar konnten bereits mehr als 3.000 Interaktionen verzeichnet werden.

Pollinar: Neues Webinar-Format für Allergiker

Ein weiteres neues Angebot ist das „Pollinar“, ein Online-Format in Kooperation mit der IGAV – Interessensgemeinschaft Allergenvermeidung, das speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit Pollenallergie zugeschnitten ist. In kompakten, leicht verständlichen Vorträgen erfahren sie alles Wichtige über allergieauslösende Pflanzen, den bevorstehenden Pollenflug, Allergiebehandlung und Vorsorgemaßnahmen – direkt von Experten. Das erste Pollinar findet am 15. April 2026, 17.00 bis 19.00 Uhr zum Thema Gräserpollenallergie statt. Info dazu in Kürze auf www.polleninformation.at & www.allergenvermeidung.org

PollenCare: Grünraumplanung ohne Pollenstress

Ein neues EU-Projekt setzt sich für allergikerfreundlich gestaltete Grünflächen ein: „PollenCare ist ein grenzüberschreitendes INTERREG-Projekt mit dem Ziel, einen Beitrag zu leisten, die gesundheitliche Belastung durch Pollenallergien in der österreichisch-ungarischen Grenzregion nachhaltig zu verringern“, sagt Aerobiologe Mag. Dr. Johannes Bouchal. „Zugleich werden wissenschaftlich fundierte Empfehlungen für die Bepflanzung öffentlicher Grünräume und privater Gärten in ganz Österreich erarbeitet.“ Der ÖPID ist wissenschaftlicher Partner. Erste Pilotprojekte in vier niederösterreichischen Gemeinden sowie in Eisenstadt sind bereits gestartet. Bouchal: „Ab Ende März gibt es für sie eine speziell zugeschnittene Polleninformation.“ Weiters werden Webinare mit praxisnahen Empfehlungen zur allergikerfreundlichen Gartengestaltung für Gemeinden, Stadtplaner sowie Hobbygärtner angeboten.

90 Prozent unterversorgt: Allergischer Schnupfen ist kein „Bagatellleiden“

Pollen sind die häufigsten Auslöser von allergischen Erkrankungen. Dennoch werden diese Atemwegsallergien häufig unterschätzt. Viele Betroffene betrachten sie als lästig, aber harmlos – und verzichten auf eine ärztliche Abklärung. Trotz wirksamer Medikamente und der Möglichkeit einer allergenspezifischen Immuntherapie (AIT), mit der nicht allein die Symptome, sondern auch die Ursache einer allergischen Erkrankung behandelt werden kann, bleiben 9 von 10 Allergikern unzureichend versorgt.(1) Viele setzen stattdessen auf Selbstmedikation. Erst wenn die Beschwerden unerträglich werden, suchen die meisten erstmals einen Arzt auf.(2) So kommt es, dass es von den ersten Symptomen bis zum Beginn einer gezielten Therapie bis zu 15 Jahre dauert!(3,4)

„Eine verhängnisvolle Sorglosigkeit“, warnt Priv.-Doz. Dr. Petra Zieglmayer, Allergologin und Fachärztin für HNO-Heilkunde. Schon lange weiß man, dass sich eine allergische Erkrankung von den oberen in die unteren Atemwege ausweiten und Asthma auslösen kann. Kinder mit unzureichend behandelter Allergie haben zudem ein höheres Risiko für schlechtere Noten sowie eine längere Reaktionszeit bei Tests und sind fehleranfälliger.(5,6) Immer mehr (und vor allem un- bzw. nicht ausreichend behandelte) Allergien haben auch wirtschaftliche Auswirkungen aufgrund verminderter Produktivität und Arbeitsausfälle. Diese vermeidbaren indirekten Kosten betragen pro Patient und Jahr mehr als 2.400 Euro – bei rund 1,5 bis 2 Millionen betroffenen Menschen ein wesentlicher Faktor in wirtschaftlich so angespannten Zeiten.(1,7)

Vor diesem Hintergrund gewinnt qualitätsgesicherte Information zunehmend an Bedeutung – sowohl für Patienten als auch für Ärzte. Klar ist: „Je besser alle betroffenen Gruppen informiert sind, desto zielgerichteter können Diagnose, Therapie und Allergenvermeidung erfolgen. Der Österreichische Polleninformationsdienst (ÖPID) reagiert auf die gestiegenen und sich wandelnden Anforderungen mit einem breiten Serviceangebot“, sagt Zieglmayer.

Linktipps:

www.polleninformation.at – Individuelle Pollenbelastung, Download Pollen+ App, KI-Assistentin Pollee etc. www.allergenvermeidung.org – Informationsplattform für Allergiker www.allergie.at – Einfach und rasch relevante Infos finden www.pollenallergie.at – Service für Ärzte

 

1 Zuberbier T et al. Allergy. 2014 Oct;69(10):1275-9.

2 Maurer T. et al. Allergy. 2007 Sep;62(9):1057-63.

3 Worm M et al. Clin Transl Allergy 2014; 4: 7.

4 Biedermann T et al. J Allergy Clin Immunol 2019; 143: 1058-1066.

5 Walker S et al. Journal of Allergy and Clinical Immunology 2007: 120, 2: 381-387.

6 Papapostolou G. et al. Pediatr Allergy Immunol. 2021 Jan;32(1):67-76.

7 Hillerich V et al.  The European Journal of Health Economics (2024) 25:579–600.