Univ.-Prof. Dr. Marco Idzko, Leiter der Klinischen Abteilung Pulmologie, Universitätsklinik für Innere Medizin II, Wien

Wann spricht man von schwerem allergischem Asthma?

Ein schweres allergisches Asthma liegt vor, wenn ein Patient unter maximaler, inhalativer Therapie eines der folgenden Kriterien erfüllt: Der Patient hat weiterhin Symptome, der Asthmakontrolltest ergibt weniger als 20 Punkte, hat eine Atemflusslimitation mit einer FEV1 < 80%, der Patient leidet häufig an Exazerbationen – das bedeutet, er benötigt mehr als zweimal im Jahr mehr als drei Tage lang ein orales Kortison oder muss stationär in ein Krankenhaus aufgenommen werden.

 

Ist das immer so eindeutig?

Nein. Ein großes Problem ist, dass Patienten häufig als schwere Asthma-Patienten gelten, obwohl sie an einem schwer zu behandelndem Asthma leiden, einem sogenannten difficult to treat-Asthma. Diese Patienten leiden zum Beispiel aufgrund von inkorrektem Inhalationsmanöver – wegen unzureichender oder fehlender Inhalationsschulung – unter einer mangelnden Therapietreue, Rauchen oder Begleiterkrankungen an einem schlecht kontrollierten Asthma. Daher müssen im Rahmen der Diagnose „schweres Asthma“, neben der erneuten Überprüfung der Diagnose „Asthma“, auch immer bestimmte Begleiterkrankungen ausgeschlossen werden, die zu einer Verschlechterung des Asthmas führen. Solche möglichen Begleiterkrankungen sind zum Beispiel eine Funktionsstörung der Stimmbänder, Sodbrennen oder seltene schwere Lungenerkrankungen.

 

Wie kann das Asthma behandelt werden?

Schweres allergisches Asthma kann man heutzutage sehr gut kontrollieren. Zu allererst muss man damit beginnen, die nicht-medikamentöse Therapie zu optimieren. Dazu zählen zum Beispiel die richtige Inhalationstechnik, Vermeidung von Allergie-Auslösern, körperliche Bewegung oder Raucherentwöhnung. Für die medikamentöse Therapie stehen natürlich zuerst mal die inhalativen Medikamente zur Verfügung. Das ist zum einen ein hochdosiertes Kortison zum Hemmen der Entzündung und langwirksame atemwegserweiternde Medikamente, wie ein Beta-2-Mimetikum und ein Anticholinergikum. Wenn der Patient mit diesen Therapien nicht ausreichend kontrolliert ist, dann kann er eine sogenannte Phänotyp-spezifische Biological-Therapie bekommen. Das sind individuell auf den Patienten abgestimmte Therapien. Für das schwere allergische Asthma steht der Wirkstoff Omalizumab zur Verfügung, das alle 14 Tage als Spritze unter die Haut gegeben werden kann. Mit dieser Therapie können die für die allergische Reaktionen verantwortlichen IgE-Antikörper blockiert werden.


Ist orales Kortison eine Option?

Orale Glucocorticoide sollten nicht mehr zum Einsatz kommen. Sie haben viel zu viele Nebenwirkungen und sollten in Ausnahmefällen nur dann gegeben werden. Nämlich dann, wenn die Biological-Therapie nicht erfolgreich war.

 

Was kann der Patient selbst tun, um sein Asthma besser unter Kontrolle zu bringen?

Für jeden Asthma-Patienten gilt: aufhören zu rauchen, denn solange man raucht, kriegt man sein Asthma nicht unter Kontrolle. Körperliche Betätigung ist gut, denn Ausdauersport wirkt antientzündlich für die Lunge. Stress und natürlich Allergie-Auslöser sollten vermieden und eine Hyposensibilisierung, auch unter den Begriffen Desensibilisierung oder allergen-spezifische Immuntherapie bekannt, kann durchgeführt werden. Dafür, dass eine Hyposensibilisierung gerade bei Hausstaubmilbenallergikern zu einer Stabilisierung des Asthmas führen kann, gibt es relativ gute Daten. Das Allerwichtigste ist aber regelmäßig und richtig zu inhalieren. Dazu gibt von der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie eine Videoanleitung für jeden Inhalator, der zur Verfügung steht.


Warum braucht es eine spezielle Anleitung für das richtige Inhalieren?

Ein großes Dilemma ist, dass die Patienten ihre inhalative Therapie oft nicht richtig benutzen. Wir wissen, dass je nach Studie 70-80 Prozent der Patienten falsch inhalieren. Das bedeutet, es wird nicht zum richtigen Zeitpunkt inhaliert, die Inhalations-Manöver werden nicht richtig durchführt oder es wurde das falsche Inhalations-Device für den Patienten ausgesucht. Wir sehen häufig Patienten, die zu uns überwiesen werden, die angeblich schwere Asthmatiker sind. Es stellt sich dann allerdings heraus, dass der Patient mit seinem Inhalationsgerät nicht zurechtkommt oder es nicht so benutzt, wie er es benutzt werden sollte. Die Patientenschulung ist also essenziell.

 

Gibt es Selbsttests, die der Patient zur Kontrolle seines Asthmas regelmäßig durchführen kann?

Für die Patienten ist es ganz wichtig, sich selbst zu beobachten - am besten mit einem Peak-Flow Protokoll, in das mehrere Messungen pro Tag mit einem Peak-Flow Meter eingetragen werden. Das ist sowohl für den Patienten als auch für den behandelnden Arzt sehr aufschlussreich, wird von den meisten Patienten allerdings leider unzureichend durchgeführt. Was ich auch immer empfehle, ist der sogenannte Asthmakontrolltest, der ACT-Score, den ich vorhin schon erwähnt habe. Dieser Selbsttest besteht aus fünf Fragen: wie schätzt man die Asthmakontrolle ein, wie häufig hatte man in den letzten Monaten Einschränkungen, treten tagsüber Asthmasymptome auf, wie häufig wacht man nachts auf und wie häufig wird der Bedarfsspray benutzt. Es wird ein Punktescore berechnet. Wenn man merkt, dass der Score gesunken ist, weiß man, dass die Entzündungen in den Atemwegen zugenommen haben.

 

 

Univ.-Prof. Dr. Marco Idzko ist Leiter der Klinischen Abteilung Pulmologie, Universitätsklinik für Innere Medizin II, Wien und des Arbeitskreises Allergie und Asthma der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie