Spezifische Immuntherapie bei Kindern mit Insektengiftallergie empfehlenswert
Eine weit verbreitete Meinung besagt, dass sich Insektengiftallergien in der Kindheit „auswachsen“, also im Laufe der Adoleszenz von selbst verschwinden. Daraus würde auch resultieren, dass die spezifische Immuntherapie (SIT) bei Kindern nicht notwendig wäre. Dr. David Golden et. al. von der John Hopkins University in Baltimore, USA haben die Verifizierung dieser Annahme als Anlass zur Durchführung einer Langzeitstudie über die Entwicklung von Insektengiftallergien bei Kindern mit und ohne SIT genommen. Sekundärziel der Studie war, die Langzeitresultate der SIT bei behandelten Kindern zu evaluieren. Herausgekommen ist ein selbst für Experten erstaunliches Ergebnis.
Mindestens 0,8 Prozent aller Kinder zeigen schwere systemische Reaktionen auf Insektenstiche. In Österreich entspräche dieser Prozentsatz einer Anzahl von 6000 Kindern im Alter von null bis acht Jahren. Die Dunkelziffer wird aber wesentlich höher geschätzt. Berichte über letale Folgen bei Kindern mit unbehandelter Insektengiftallergie sind leider alljährlich die traurige Realität.
Obwohl wissenschaftlich nicht verifiziert, war bisher die Theorie – auch unter Pädiatern – verbreitet, dass eine Insektengiftallergie sich in der Pubertät „auswächst“. Diese Behauptung war für Forscher des John-Hopkins-Allergycenter in Baltimore, USA Anlass für eine Überprüfung im Rahmen der vorliegenden klinischen Studie. Gleichzeitig wurde auch die Langzeitwirkung der Spezifischen Immuntherapie für Insektengiftallergiker untersucht. Die Ergebnisse wurden kürzlich im England Journal of Medicine publiziert und sind auch für Experten überraschend ausgefallen.
Design der Langzeitstudie
Als potentielle Probanden wurden 1033 Patienten des John-Hopkins-Allergiezentrums herangezogen, bei denen zwischen 1978 und 1985 im Kindesalter Insektengiftallergien unterschiedlicher Schweregrade diagnostiziert und die zum Teil mit SIT behandelt wurden. Zwischen 1997 und 2000 konnten 512 dieser ehemaligen Patienten wieder kontaktiert und mittels standardisierten Fragebögen über ihren Krankheitsverlauf in den letzten 20 Jahren befragt werden.
Die Probandengruppe (davon 54 Prozent mit leichten sowie 44 Prozent mit mittleren bis schweren Reaktionen) repräsentierte 46 Prozent jener Patienten, die als Kind eine Insektengift-SIT erhielten und 53 Prozent jener, die nicht mit SIT behandelt wurden. Die initiale allergische Reaktion auf Insektenstiche lag bei allen Studienteilnehmern zwischen 6 und 32 Jahren zurück. Das mittlere Alter bei der ersten allergischen Reaktion auf einen Insektenstich lag bei 8 Jahren, das mittlere Alter bei der bisher letzten Reaktion bei 21 Jahren. Die mittlere Beobachtungszeit betrug 18 Jahre. Die mittlere Therapiedauer der befragten ehemaligen SIT-Patienten lag bei 3,5 Jahren.
Die Befragung wurden vor allem telefonisch auf Basis von Standardfragen für Insektengiftallergien durchgeführt.
Ergebnisse der Studie
Von den 512 kontaktierten Patienten hatten 43 Prozent zwischen 1987 und 1999 Insektenstiche erlitten, wobei die Stichrate auf alle Gruppen gleich verteilt war. In der Gruppe der unbehandelten Patienten lag die Zahl der systemischen Reaktionen bei 21 Prozent, wenn der Stich 6 bis 10 Jahre nach dem Erstereignis erfolgte. Bei 19 Prozent wenn der Stich 11 bis 15 Jahre danach stattfand, 15 Prozent bei Stichen, die 16 bis 20 Jahre nach der initialen allergischen Reaktion erfolgten und 13 Prozent für Stiche, nach mehr als 20 Jahren. Zwar nahm die Rate an schweren systemischen Reaktionen bei unbehandelten Patienten über die Jahre leicht ab; dieser Trend war jedoch statistisch nicht signifikant.
Insgesamt betrug die Inzidenz schwerer systemischer Reaktionen (per definitionem: ausgeprägte Atembeschwerden, schwerer Schwindel, ausgeprägte Hypotonie bzw. Bewusstlosigkeit, Hauterscheinungen) bei Patienten, die eine SIT erhalten hatten 3 Prozent, bei Unbehandelten jedoch 17 Prozent, also mehr als 600 Prozent (!) höher.
Keine Verifizierung für „Auswachsen“ von Allergien gefunden
Die Meinung, dass Insektengiftallergien im Laufe der Adoleszenz von selbst verschwinden, wurde im Rahmen der Studie nicht bestätigt. Die Ergebnisse zeigen, dass bei rund 13 Prozent der Patienten ohne Allergiebehandlung nach wie vor systemische Symptome nach Insektenstichen auftauchten, diese im Laufe der Jahre zwar graduell leichter wurden, jedoch in keinem Fall verschwanden.
Genauso war auch das Gegenteil der Fall: bei sechs Patienten ohne SIT-Behandlung im Kindesalter, die ursprünglich nur leichte systemische Reaktionen auf Insektenstiche hatten, traten im Erwachsenenalter mittelschwere Beschwerden auf.
Der an der Univ. Klinik für Dermatologie und Venerologie der Medizinischen Universität in Graz allergologisch tätige Arzt Dr. Gunter Sturm zum Thema Insektengiftallergie: „Es ist bekannt, dass erwachsene Patienten mit schweren Stichreaktionen in der Vergangenheit ein erhöhtes Risiko für ein erneutes Auftreten von ausgeprägten allergischen Reaktionen nach einem Insektenstich aufweisen. Eine Impftherapie für Kinder, die nach einem Insektenstich neben generalisierten Hautsymptomen auch Kreislauf- und Atemprobleme entwickeln, ist prinzipiell empfehlenswert.“
Conclusio: SIT bei Kindern mit Insektengiftallergie empfehlenswert
Die vorliegenden Studienergebnisse zeigen eindeutig, dass eine bereits im Kindesalter durchgeführte SIT gegen Insektengiftallergien, sowohl was die Milderung der Reaktionen als auch die Langzeitwirkung betrifft, klar als positiv bewertet werden kann. Die Häufigkeit von systemischen Reaktionen bei Patienten, die ursprünglich mittelschwer bis schwer reagiert hatten, ließ sich mittels SIT von 17 auf 5 Prozent reduzieren. Bei Patienten mit ursprünglich milden, kutanen systematischen Reaktionen sank sie überhaupt auf null. Die SIT scheint also eine langfristige Umstellung des Immunsystems, selbst über Jahrzehnte, zu bewirken.
Weiterer positiver Effekt der SIT: Die Rückfallrate nach Ende der Therapie beträgt bei Kindern nur etwa 5 Prozent, das entspricht einem Drittel von jener bei Erwachsenen.
Eine Patientenbroschüre zum Thema Insektengiftallergie und die Originalstudie kann kostenlos bei ALK-Abelló, Tel. 0732/385372 bestellt werden.

Outcomes of Allergy to Insect Stings in Children, with and without Venom Immunotherapy; David B.K. Golden; et. al., John Hopkins Athma and Allergy Center, Baltimore; N Engl J Med 2004;351:668-74
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