Anthroposophie und Allergie-Risiko bei Kindern
Nach den Grundsätzen der anthro-posophischen Medizin hemmt die Therapie mit schulmedizinischen Arzneien die Selbstheilungskräfte des Körpers. Wenn sich der Körper hingegen mit den Erkrankungen auseinandersetzen muß, wird das
Immunsystem gestärkt und ist gegen Allergien besser gewappnet, so die These. Deshalb lehnen die Befürworter der anthroposophischen Medizin auch Impfungen
ab.
Nun haben schwedische Ärzte untersucht, ob es Zusammenhänge zwischen dem zurückhaltenden Gebrauch von Antibiotika, Antipyretika oder Impfungen und
der späteren Allergieneigung bei Kindern gibt, und wenn ja, welche. Dr. Helen Flöistrup vom Karolinska-Institut in Stockholm und ihre Kollegen haben
die Eltern von 6630 Kindern zwischen 5 und 13 Jahren aus fünf verschiedenen europäischen Ländern befragt. 4606 Kinder besuchten eine Waldorfschule oder ähnliche Einrichtungen, in denen nach der anthroposophischen Philosophie Rudolf Steiners gelehrt wurde.
Die Forscher sammelten unter anderem Informationen über die Lebensumstände, den anthroposophischen Lebensstil der Familie und über Allergien. Die meisten der Fragen basierten dabei auf einem validierten Fragebogen zu Asthma und Allergie bei Kindern. Bei einem Teil der Kinder (28 Prozent) wurde zudem eine Blutprobe entnommen und diese auf IgE-Antikörper gegen gängige inhalative und ernährungstypische Allergene getestet.
Als allergische Reaktion werteten die Forscher eine Rhinokonjunktivitis ohne Zeichen einer Erkältung sowie ein vom Arzt diagnostiziertes Asthma oder atopisches Ekzem. Eine atopische Sensibilisierung machten die Wissenschaftler an einem IgE-Titer über 0,84 mg/l fest. Die Auswertung ergab zunächst einmal, daß die Kinder aus Steiner-Haushalten
signifikant seltener eine Rhinokonjunktivitis, Asthma oder ein atopisches Ekzem hatten als Kinder aus anderen Familien. Kinder aus den anthroposophischen Familien hatten zudem häufiger überhaupt keine Antibiotika (42 Prozent versus 15 Prozent) oder Fieber senkende Mittel (43 Prozent versus 8 Prozent) erhalten. Von den Steiner-Kindern waren auch nur 26 Prozent gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft, in der Vergleichsgruppe waren es 72 Prozent. Dementsprechend
erkrankten Steiner-Kinder auch häufiger an Masern (33 Prozent versus 10 Prozent).
Um zu klären, welchen Zusammenhang es zwischen Verzicht auf Antibiotika, Antipyretika und Impfungen sowie der Allergieneigung gibt, haben die Forscher Risikofaktoren wie Tabakkonsum oder erbliche Belastung
herausgerechnet. Was danach übrig bleibt, sind viele Zahlen, aber nicht wirklich ein eindeutiges Ergebnis: Zwar war der Gebrauch von Antibiotika und Antipyretika mit einer erhöhten Rate bestimmter Allergie-Symptome assoziiert. Eine Erklärung hierfür könnte die Schädigung der Darmflora durch Antibiotika mit folgender Störung der Reifung des Immunsystems sein oder die Schädigung der pulmonalen Immunabwehr durch die Antipyretika. Ebenfalls häufiger waren
allergische Symptome bei Kindern, die geimpft worden waren. Zwischen einer Maserninfektion und der Häufigkeit allergischer Symptome ließ
sich aber kein Zusammenhang erkennen, ebenso wenig wie zwischen der Anwendung von Antibiotika, Antipyretika und Impfung sowie Masern-Erkrankung
und atopischer Sensibilisierung.
Dementsprechend folgern die Autoren aus ihren Daten auch eher vorsichtig, daß bestimmte Faktoren des anthroposophischen Lebensstils wie der restriktive Gebrauch von Antibiotika und Antipyretika mit einem geringeren Risiko für allergische Erkrankungen bei Kindern verbunden sein könnten. Einen Beleg für einen protektiven Effekt der Anthroposophie liefere die Studie jedoch nicht. Noch andere Faktoren könnten bei den beobachteten Zusammenhängen von Bedeutung sein.

Allergic disease and sensitization in Steiner school children Helen Flöistrup, Jackie Swartz, Anna Bergström, Johan S. Alm, Annika Scheynius, Marianne van Hage, Marco Waser, Charlotte Braun-Fahrländer, Dieneke Schram-Bijkerk, Machteld Huber, Anne Zutavern, Erika von Mutius, Ellen Üblagger, Josef Riedler, Karin B. Michaels, Göran Pershagen, the PARSIFAL Study Group; J Allergy Clin Immunol
2006, Volume 117, Issue 1, Pages 59-66
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