Reduziert Rauchen die Allergiebereitschaft?
Über 40 Prozent der Weltbevölkerung trägt eine grundsätzliche Allergie-Neigung in sich. Ob ein Mensch tatsächlich erkrankt, hängt sehr stark von den Eltern ab. Ist ein Elternteil allergisch, so beträgt das Risiko einer Allergieentwicklung etwa 30 Prozent. Sind Vater und Mutter Allergiker, steigt die Wahrscheinlichkeit auf über 60 Prozent. Auch das Verhalten der Mutter während der Schwangerschaft kann Einfluss auf die Entstehung einer Allergie haben. Zigarettenrauch ist ein ganz zentraler Einflussfaktor: Raucht die werdende Mutter oder setzt sie sich häufig Passivrauch aus, sinkt die Allergisierungsschwelle des Kindes. Als eindeutig bewiesen gilt außerdem, dass aktives oder passives Rauchen - abgesehen von den zahlreichen sonstigen negativen Folgeschäden – den Verlauf einer allergischen Erkrankung negativ beeinflusst. Neue Studienergebnisse sorgen nun für Diskussion.
Laut Ergebnissen der Dunedin Multidisciplinary Health and Development Study scheinen Kinder, deren Eltern rauchen und die später im Teenager- und frühem Erwachsenenalter selbst zum Glimmstängel greifen, ein geringeres Risiko für eine allergische Sensibilisierung, also eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber einer Substanz nach vorausgegangenem wiederholtem Kontakt, zu haben. Diese Studie aus Neuseeland wurde kürzlich im Journal of Allergy and Clinical Immunology publiziert. Studienleiter Robert Hancox von der University of Otago, Dunedin und seine Kollegen erklären: "Die Ergebnisse stimmen mit der Hypothese überein, dass Zigarettenrauch Reaktionen des Immunsystem unterdrücken und so vor einer Atopie (Anm. erbliche Überempfindlichkeit) schützen kann".
Es wird oft empfohlen Zigarettenrauch zu meiden, um das Risiko einer allergischen Sensibilisierung zu reduzieren. Diese Empfehlung wird speziell für Kinder mit familiärer Vorgeschichte ausgesprochen, so die Studienautoren. Die Datenlage zum Effekt von Rauchen auf eine allergische Sensibilisierung sei aber verwirrend. Hancox und seine Kollegen überprüften daher die Hypothese des immunsuppressiven Effektes von Rauchen, indem sie 972 Menschen von Geburt an bis zum 32. Lebensjahr beobachteten. Die Autoren erhielten Auskunft über elterliches Rauchverhalten und atopische Erkrankungen und dokumentierten das persönliche Rauchverhalten zwischen der Geburt und dem 32. Lebensjahr. Eine allergische Überempfindlichkeit wurde mittels Haut-Prick-Test (SPTs) für 11 verbreitete inhalative Allergene im Alter zwischen 13 und 32 Jahren getestet.
Das Team stellte fest, dass Kinder von rauchenden, atopischen Eltern mit geringerer Wahrscheinlichkeit einen positiven Haut-Prick-Test im Alter von 13 Jahren hatten (Chancenverhältnis [OR] = 0,55). Diese Signifikanz war nach einem statistischen Verfahren, bei dem auch die Zahl an Geschwistern, ob das Kind gestillt wurde sowie der sozio-ökonomische Status berücksichtigt wurde, allerdings nicht mehr vorhanden. Im Alter zwischen 13 und 32 Jahren hatten die Studienteilnehmer weniger wahrscheinlich positive Haut-Prick-Tests, wenn sie selbst rauchten (OR=0,18). Diese Risikominderung blieb auch nach Berücksichtigung der Faktoren Geschwister, Stillen und sozio-ökonomischer Status deutlich.
"Wir stellten fest, dass Kinder die elterlichem Zigarettenrauch ausgesetzt waren und auch jene, die selbst rauchten, geringeres Auftreten einer Überempfindlichkeit auf eine Reihe von verbreiteten inhalativen Allergenen hatten. Diese Zusammenhänge wurden nur bei jenen mit einer elterlichen Vorgeschichte von Asthma oder Heuschnupfen festgestellt“, schreiben die Studienautoren. „Der schädliche Effekt von Zigarettenrauch ist bekannt und es gibt viele Gründe ihn zu meiden. Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass der Schutz vor allergischer Sensibilisierung keiner dieser Gründe ist."
Dazu Univ.-Prof. Dr. Eva-Maria Varga, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz und Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der IGAV:
In dieser rezenten Studie wurden über eintausend Personen von Geburt bis zum 32. Lebensjahr hinsichtlich des Einflusses von Zigarettenrauch auf das Risiko einer Allergensensibilisierung untersucht.
Die daraus gewonnenen Ergebnisse illustrieren die Schwierigkeit, die sich klinisch orientierten ÄrztInnen eröffnen, wenn sie Empfehlungen zur Allergieprävention geben möchten. Ähnlich wie in den soeben geänderten Empfehlungen zur Beikosteinführung von Allergierisikokindern stellen die Ergebnisse dieser Studie unsere bisherige Vorgehensweise, nämlich die Passivrauchexposition von Allergierisikokindern zu vermeiden, in Frage. Hier konnte nämlich gezeigt werden, dass Kinder im Alter von 13 Jahren signifikant seltener positive Hautallergietests hatten, wenn ihre atopischen Eltern zwischen ihrem 7. und 13.Lebensjahr (Zeitpunkte der Befragung während der Studie) geraucht hatten. Rauchten diese Kinder dann ab dem 13. Lebensjahr selbst, so blieb dieser vor Allergensensibilisierung schützende Effekt bestehen. Trotz des Neuigkeitswertes dieser Studie lässt sie einige Fragen unbeantwortet und sollte uns nicht dazu veranlassen, den Konsum von Zigaretten als Mittel zur Primärprävention von Allergien zu empfehlen.
Es ist möglich, dass der präventive Effekt sich nicht durch die Wirkung des Nikotins als Immunsuppressivum ergibt, sondern dass die Rauchexposition einen Surrogatmarker darstellt. Es ist anzunehmen, dass erstens, atopische Eltern, wenn sie rauchten, weniger schweren Heuschnupfen oder Asthma hatten und damit auch einen anderen Genotypus repräsentierten, der möglicherweise per se seltener zu Allergien beim Kind Anlass gibt. Zweitens könnte hier das Wechselspiel Genotypus-Umweltfaktoren einen präventiven Effekt bewirkt haben. Es ist möglich, dass diese Familien auch öfter Haustiere hielten, keine Maßnahmen zur Hausstaubmilbensanierung betrieben, Beikost früh und gemischt gaben, sprich ihre Kinder sehr früh mit allen Allergenen konfrontierten und statt Allergie eben Toleranz induzierten.
Gegen die immunsuppressive Wirkung von Zigaretten per se spricht auch der Umstand, dass nur 6% der 32-jährigen rauchenden Studienteilnehmer ihre Allergensensibilisierung aus dem 13.Lebensjahr verloren hatten. Auch die Vermutung eine Kolonisation mit Bakterien in den chronisch entzündeten Bronchien der Raucher wäre der Grund für eine geänderte, vor Allergien schützende Immunität, wirkt sehr hypothetisch.
Bedenkt man das Reservoir von Bakterien in der menschlichen Darmflora, dann dürfte wohl niemand eine Allergie entwickeln können. Auch die Stärke der Passiv- oder Aktivrauchbelastung durch objektive Messmethoden, wie die Cotininbestimmung im Harn, hätten allenfalls mehr Aufschluss über einen ursächlichen Zusammenhang geben können.
Zusammenfassend illustriert diese eben erschienene Studie das Wechselspiel zwischen Genotypus und Umweltfaktoren in der Allergieentstehung in beeindruckender Weise. Sie rechtfertigt aber nicht zwangsläufig eine Änderung unserer Empfehlung, Kinder vor den schädlichen Einflüssen des Zigarettenrauches zu schützen.
Cigarette smoking and allergic sensitization: A 32-year population-based cohort study; Robert J. Hancox, David Welch, Richie Poulton, D. Robin Taylor, Christene R. McLachlan, Justina M. Greene, Malcolm R. Sears; J Allergy Clin Immunol 2008, Volume 121, Issue 1, Pages 38-42.
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