Obst und Gemüse für Allergiker durch Gentechnik
Mit einem neuen Verfahren der Gentechnik kann Obst und Gemüse für Allergiker
verträglicher gemacht werden. Dass diese Technik funktioniert, haben
österreichische und deutsche Forscher an Tomaten und Äpfel demonstriert.
Doch die Verbraucher schrecken vor den gentechnisch veränderten Früchten
zurück.
Mehr als 1,6 Millionen Menschen leiden derzeit in Österreich an einer
Allergie. Während gegen den Heuschnupfen mehrere Medikamente verfügbar sind,
ist gegen Nahrungsmittelallergien bis heute kein Kraut gewachsen. Das
unverträgliche Lebensmittel muss vom Speiseplan gestrichen werden. Ob
Erdnüsse, Erdbeeren oder Kiwis - in vielen Fällen genügen schon Spuren, um
den Mund zu reizen oder gar Atemnot hervorzurufen. Bei allgegenwärtigen
Zutaten wie Erdnüssen oder Tomaten schränkt das die Wahl im Supermarkt
drastisch ein.
Diese verordnete Abstinenz könnte bald passé sein, hoffen zumindest
Wissenschaftler: In ihren Laboren erschaffen sie für Allergiker
verträglicheres Obst und Gemüse. Die Ernährungswissenschaftlerin Yvonne
Lorenz erhielt Anfang März den Max-Rubner-Preis der Deutschen Gesellschaft
für Ernährung für eine Tomatensorte, die von Allergikern besser vertragen
werden könnte. "Möglicherweise könnte die angewandte Technik den
eingeschränkten Speiseplan von Allergikern aufheben und dadurch deren
Lebensqualität verbessern", lobt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung die
Arbeit.
Die Technik, der hier ein so großes Potenzial bescheinigt wird, ist eine
spezielle Methode der grünen Gentechnik: die so genannte RNAi-Technologie.
Bei diesem Verfahren wird jenes Gen in Ketten gelegt, das in den Zellen für
den allergieauslösenden Stoff verantwortlich ist. Als Handschellen für das
Gen dienen künstliche Erbgutstücke, die gezielt eingeschleust werden.
Nachdem das frevelhafte Gen ausgeschaltet ist, wird in den Pflanzenzellen so
gut wie kein Allergen mehr erzeugt. Bildhaft ist auch vom "Knock-out-Gemüse"
die Rede.
Lorenz verbannte zusammen mit dem Gentechnologen Uwe Sonnewald von der
Universität Erlangen-Nürnberg eine allergieauslösende Substanz aus den
Tomaten, das Lipidtransferprotein. "Dieser Eiweißstoff ist im mediterranen
Raum für Allergien mit sehr schweren Symptomen verantwortlich, bis hin zum
lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock", erläutert Lorenz. Außerdem
kommt die Substanz in vielen anderen Obst- und Gemüsesorten vor.
Das Lipidtransferprotein ist einer der Drahtzieher für
Nahrungsmittelallergien und war damit prädestiniert für ein Knock-out. "Die
Pflanze sieht genauso aus wie eine herkömmliche Tomatenstaude", betont
Lorenz. Getestet haben die Forscher die Tomaten auf der Haut spanischer
Allergiker, die normalerweise keine Tomaten vertragen. Bei drei von fünf
Probanden zeigte die gentechnisch entschärfte Sorte keine Reaktion. Bei den
beiden übrigen Testpersonen rötete sich die Stelle nur schwach. Dass die
Forscher nur einen Teilerfolg verbuchen können, erklärt Lorenz so: "In der
Tomate stecken mehrere Allergene. Jeder Allergiker spricht auf
unterschiedliche Stoffe an." In ihrem Projekt wurde jedoch nur das
Lipidtransferprotein in Ketten gelegt.
Bei ihren Untersuchungen stieß die Arbeitsgruppe überdies auch an die
Grenzen des Knock-out-Ansatzes. Als Sonnewald sich einen anderen
allergieauslösenden Stoff in der Tomate, das Profilin, vorknöpfte und das
zugehörige Gen fesselte, kümmerte die Pflanze vor sich hin. Sie wuchs
langsam, trug weniger Blüten und kleinere Früchte. "Man kann nicht jedes
Allergen aus Obst oder Gemüse entfernen. Vor allem dann nicht, wenn es
andere lebenswichtige Funktionen in der Pflanze übernimmt und wie das
Profilin zum Beispiel das Wachstum steuert", hält Lorenz fest.
"Es ist immer die entscheidende Frage, ob die Knock-out-Pflanzen lebensfähig
sind", bestätigt Karin Hoffmann-Sommergruber vom Zentrum für Physiologie und
Pathophysiologie der Universität Wien. Sie hat Äpfel mit weniger Allergenen
im Rahmen eines EU-Projekts entwickelt. In den Blättern der jungen Bäume lag
der Allergengehalt um neunzig Prozent niedriger als in der unveränderten
Sorte. Ob die Äpfel den Allergikern tatsächlich bekommen würden, konnten die
Forscher jedoch nicht überprüfen. Bis die Setzlinge zu Bäumen herangewachsen
sind und erste Früchte abwerfen, vergehen noch Jahre. "Es ging nur darum, zu
zeigen, dass die Pflänzchen lebensfähig sind. Das sind sie", sagt Hoffmann.
In dem EU-Projekt wurde auch die Haltung der Verbraucher ermittelt.
Interviewer befragten jeweils 150 potenzielle Konsumenten aus Österreich,
Holland und Spanien, ob sie den Knock-out-Apfel verzehren würden. Das Votum
der Befragten viel dabei deutlich gegen die gentechnisch veränderte Frucht
aus: In Österreich wollte keiner den Apfel anrühren. In den Niederlanden
entschieden sich nur fünf Prozent dafür. Immerhin zehn Prozent würden in
Spanien hineinbeißen.
"Es gibt im Augenblick keine Bereitschaft, solches Obst oder Gemüse zu
essen. Daher forschen wir in dieser Richtung jetzt nicht weiter, weil das
haarscharf an dem vorbeigehen würde, was die Konsumenten wünschen", zieht
Hoffmann schonungslos die Konsequenz. Sie hofft, dass der Dialog mit den
Bürgern deren Einschätzung im Laufe der Jahre ändert.
Mangels Akzeptanz soll weder die Tomate noch der Apfel kommerzialisiert
werden. Anders sieht die Situation in den USA aus. Das Unternehmen Simplot
sieht ein großes Potenzial in allergenarmen Sorten. Es hat ermittelt, das
drei Viertel der Betroffenen die Lebensmittel essen würden, auch wenn sie
gentechnisch verändert sind.
www.wissenschaft.de 02.05.2007 - Gesundheit
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