Österreichs erster Allergiebericht
(Wien, 1. Juni 2006) - In Österreich leiden derzeit mehr als 1,6 Millionen Menschen an einer Allergie. Dennoch werden Allergien häufig unzureichend therapiert. Das führt nicht nur zu massiven gesundheitlichen Folgen bei Allergikern, sondern verursacht darüber hinaus enorme volkswirtschaftliche Belastungen durch Krankenstände bzw. eingeschränkte Leistungsfähigkeit von Allergikern. Allein bei den Versicherten der Wiener Gebietskrankenkasse sind jährlich 3.934 Personen durchschnittlich 13,5 Tage im Krankenstand; bei den Versicherten der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse fallen pro Jahr 951 Mal Allergiker durchschnittlich zehn Tage krankheitsbedingt aus. Die Oberösterreichische Gebietskrankenkasse (OÖGKK) zahlt jährlich rund 48.000 Euro an Krankengeld für Allergiker.
Allergische Erkrankungen können sich in verschiedenen Formen ausdrücken: Vom lästigen Juckreiz bis zu Allergien mit lebensbedrohlichen Folgen. Immerhin sind in Österreich 2004 acht Menschen an den Folgen eines Status asthmaticus (Asthma mit Dauerkrampf-Folgen) und zwei Personen an einem Anaphylaktischen Schock verstorben. Allein in Österreich leiden rund 1,6 Millionen Menschen an Allergien. Eine der häufigsten Formen ist die Pollenallergie, von der in Wien etwa 180.000 Menschen betroffen sind; gefolgt von der Tierallergie, an der zirka 130.000 Wiener leiden. Die Allergieprävalenz weist österreichweit starke regionale Unterschiede auf: Salzburg und Oberösterreich verzeichnet die meisten Allergiker; den geringsten Allergikeranteil weisen das Burgenland und Kärnten auf. Allergien können zu Augenproblemen, Atemwegserkrankungen, Hautirritationen, oder Erkrankungen des Verdauungstraktes und des Hals-Nasen-Ohren-Bereiches führen.
Erster österreichischer Allergiebericht
Der österreichische Allergiebericht stellt erstmals die Dimensionen allergischer Erkrankungen in der öffentlichen Gesundheit dar. Der Bericht zeigt, dass die Häufigkeit von Allergien in Österreich seit den 1980er Jahren bis heute stark gestiegen ist. Die Ursachen für diese Zunahme sind in der veränderten Allergenexposition ebenso wie in der geringeren Stimulation des Immunsystems durch die verbesserte Hygiene zu finden. "Im Allergiebericht wurden alle in Österreich zu Verfügung stehenden Daten zu Allergien zusammengetragen: Der Bericht zeigt, welche Bevölkerungsschichten in Österreich von Allergien besonders betroffen sind, listet die Allergie auslösenden Substanzen auf und gibt Auskunft, wie viele Diagnosen von welchen Ärzten bisher erstellt wurden. Kurz gesagt, zeigt uns der Allergiebericht ein genaues Bild über die Allergie-Situation in Österreich.", fasst Univ.-Prof. Dr. Michael Kunze vom Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien zusammen.
30-Jährige sind von Allergien am stärksten betroffen
Allergische Erkrankungen können alle Menschen betreffen, jedoch gibt es bestimmte Häufungen in den jeweiligen Altersabschnitten. "Der Altersgipfel bei allergischen Erkrankungen liegt um das 30. Lebensjahr. Insgesamt leiden Frauen häufiger an Allergien als Männer. Im Kindesalter sind jedoch mehr Buben als Mädchen betroffen.", weiß Dr. Thomas Dorner vom Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien. "Interessant ist die Tatsache, dass Menschen in höher qualifizierten Berufen stärker an Allergien leiden als Berufstätige in weniger qualifizierten Positionen: In hoch qualifizierten Berufen sind 30,7 Prozent der Männer und 37,1 Prozent der Frauen von Allergien betroffen. In Berufen, die keine Qualifikation verlangen, leiden 24,6 Prozent der Männer und 27,8 Prozent der Frauen an Allergien.", so Dorner weiter.
Allergien beeinträchtigen die Lebensqualität
Mehr als die Hälfte aller Österreicher (50,8 Prozent) zeigt mindestens eine allergische Sensibilisierung gegenüber einem Allergen. Selbst bei Personen ohne Beschwerden zeigen 39,3 Prozent eine allergische Reaktion. Die häufigsten Allergene sind Gräserpollen, Hausstaubmilben, Katzen, Schimmelpilze und Birken. Bislang sind allein 4.000 unterschiedliche Kontaktallergene, wie Nickel oder Duftstoffe, bekannt. Allergien können die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Je nach Allergie fühlen sich 43 bis 63 Prozent der Betroffenen durch ihre Krankheit sehr oder ziemlich beeinträchtigt. Allergisches Darmleiden wird als die größte Beeinträchtigung der Lebensqualität empfunden, gefolgt von Asthma und allergischer Rhinitis. Insgesamt fühlen sich bei allergischen Erkrankungen Frauen stärker beeinträchtigt als Männer.
Früherkennung von Rhinitis kann Asthma bronchiale verhindern
Ebenso belegt der Allergiebericht, dass unter den Stellungspflichtigen seit Mitte der 1980er Jahre bis heute der Heuschnupfen und Asthma bronchiale enorm zugenommen haben: Litten in den 80er Jahren noch 3,34 Prozent der Stellungspflichtigen an Heuschnupfen, waren es im Jahr 2003 bereits 6,74 Prozent: Demnach ist der Prozentsatz der unter allergischer Rhinitis leidenden Stellungspflichtigen in einem Zeitraum von ungefähr 20 Jahren um mehr als das Doppelte gestiegen. Bei Asthma bronchiale sind die Zahlen noch dramatischer: Von 1986 bis 2003 ist die Zahl der Asthmatiker von unter einem Prozent (0,76 Prozent) auf 2,73 Prozent gestiegen. Die Zahl der Asthma-Patienten erhöhte sich also um das 3,5-Fache.
Heuschnupfen und Asthma bronchiale sind eng miteinander verbunden. Rund 80 Prozent der Asthmatiker leiden auch an Heuschnupfen. Umgekehrt haben Patienten mit Heuschnupfen das zehnfache Risiko an Asthma zu erkranken als Personen ohne Allergie. Bei etwa 25 Prozent der Patienten treten beide Krankheiten zur gleichen Zeit auf. Knapp zwölf Prozent der Wiener leiden an einer allergischen Rhinitis während bestimmter Jahreszeiten und von Asthma bronchiale sind 3,7 Prozent der Wiener Bevölkerung betroffen. "Die Früherkennung einer allergischen Rhinitis kann wesentlich dazu beitragen, die Entwicklung von Asthma zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern.", unterstreicht Prim. Univ.-Doz. Wolfgang Pohl von der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP). Derzeit ist ungefähr ein Todesfall von 250 Todesfällen auf Asthma zurückzuführen. Jedoch wären 40 bis 50 Prozent der Asthmatodesfälle zu vermeiden, wenn eine bessere Kontrolle und frühzeitige Therapie vorhanden wären, so Pohl. "Ein gut kontrollierter Asthmatiker kostet im Jahr 400 bis 500 Euro; ein schlecht kontrollierter 1.500 Euro.", fasst Pohl zusammen.
Schlüsselfunktion Allgemeinmediziner: Diagnose, Behandlung und Überweisung
Mehr als ein Drittel der Allergien diagnostiziert der Facharzt (34,4 Prozent). Bei 19,9 Prozent der Patienten wird die Diagnose in der Ambulanz festgestellt und bei 18,3 Prozent beim Hausarzt. Aber fast ein Drittel der Allergie-Diagnosen wird nicht von einem Arzt durchgeführt. Dafür zeichnet sich ein deutlicher Trend bei der Behandlung von Allergien durch komplementärmedizinische Methoden ab: 32,5 Prozent der Allergiker wenden homöopathische Mittel an und 17,8 Prozent verwenden Heilsalben.
Eine wesentliche Rolle bei der Diagnose und Behandlung von Allergien nimmt der Allgemeinmediziner ein. "Der Allgemeinmediziner leitet die ersten diagnostischen Schritte ein, informiert den Patienten über Prävention und gibt Tipps für die Ernährung.", schildert Dr. Barbara Degn von der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM). Die Therapie in der Ordination des Allgemeinmediziners richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung: von Allergenvermeidung, symptomorientierter Therapie bis zur spezifischen Immuntherapie. Zur weiteren Abklärung wird der Patient an einen Allergologen überwiesen und in einem nächsten Schritt an ein Krankenhaus mit Schwerpunkt Allergologie.
Asthma verursacht die meisten Arbeitsunfähigkeitstage und höchsten Behandlungskosten
Durchschnittlich dauert ein Krankenstand auf Grund einer allergischen Erkrankung in etwa genauso lange wie die generelle durchschnittliche Krankenstandsdauer, ist aber bei einzelnen allergischen Diagnosen deutlich höher: Patienten mit Asthma bronchiale sind zwischen 16 und 30 Tagen im Krankenstand. "Damit wird auch der volkswirtschaftliche Schaden von Allergien deutlich.", unterstreicht Mag. Beate Hartinger, stellvertretende Generaldirektorin des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger. Letztes Jahr gab der Hauptverband 75 Millionen Euro für Mittel bei obstruktiven Atemwegserkrankungen, 9,1 Millionen Euro für systemische Antihistaminika, 4,3 Millionen Euro für Rhinologika und mehr als zehn Millionen Euro für Desensibilisierungsprodukte aus.
Eine Auswertung der Krankenhausentlassungsstatistiken zeigt, welche Dimension allergische Erkrankungen für das intramurale Gesundheitssystem annehmen. Im Jahr 2004 wurden 11.949 Mal Menschen mit einer allergischen Erkrankung als Hauptdiagnose entlassen. Das sind 0,47 Prozent aller Krankenhausfälle oder bezogen auf die Bevölkerung rund 150 pro 100.000 Einwohner. Mit 5.253 Fällen wurde Asthma bronchiale am häufigsten diagnostiziert. In 1.563 Fällen wurde eine nicht näher bezeichnete Allergie festgestellt.
Wurden früher allergische Reaktionen vor allem mit Antihistaminika bekämpft, geht heute der Trend immer stärker zur Desensibilisierung. "Auf Grund der Verordnungszahlen der letzten Jahre wissen wir, dass von 2003 bis 2005 die Verordnung von Antihistaminika um 8,1 Prozent gesunken ist. Im gleichen Zeitraum stieg die Verordnung von Desensibilisierungsprodukten um 38 Prozent. Allerdings kommt eine Desensibilisierung nur dann in Frage, wenn noch ausreichend Zeit bis zur Pollensaison bleibt.", berichtet Hartinger weiter.
Neue Therapieoption zur Behandlung von Gräserallergien
Etwa ein Viertel aller Menschen in den Industrieländern leiden an Allergien der Atemwege wie allergischer Rhinitis und allergischem Asthma. Die häufigste Form der Atemwegsallergie wird durch Gräserpollen verursacht. Die Allergietherapie baut auf drei Säulen auf: Allergenvermeidung, symptomatisch wirkende Medikamente und die allergenspezifische Immuntherapie. Es gibt zwar Methoden zur Reduzierung von Allergenen, eine vollständige Vermeidung der Allergene ist in der Regel aber schwer möglich. Zahlreiche Patienten verwenden daher symptomatische Medikamente wie zum Beispiel Antihistaminika oder Kortikosteroide. "Mit solchen Medikamenten lassen sich zwar die Symptome beherrschen, sie behandeln aber nicht die Krankheitsursache. Werden Patienten über einen längeren Zeitraum nur symptomatisch behandelt, kann sich die Allergie zunehmend verschlechtern. Daher ist die Immuntherapie die einzige Therapieform, die bei allergischen Erkrankungen an der Ursache ansetzt.", stellt Prim. Dr. Waltraud Emminger vom Allergie-Ambulatorium Rennweg klar.
Mit einer neuen Therapieoption in Form einer Tablette ergeben sich für Allergiker viel versprechende Wege bei der Behandlung ihrer Krankheit. Diese Gräserallergentablette löst beim Patienten eine schützende Immunantwort aus und entwickelt eine Immuntoleranz. "Untersuchungen haben gezeigt, dass die Gräsertablette Patienten mit Gräserpollen-induzierter Rhinokonjunktivitis eine Schutzwirkung bietet, die während der gesamten Gräserpollenflugsaison anhält. Durch die Tablette haben sich die Rhinokonjunktivitis-Symptome um 30 Prozent verringert und der Bedarf an Symptom lindernden Medikamenten konnte um 38 Prozent gesenkt werden.", schildert Emminger.
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