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Oft übersehen aber immer häufiger:
Histamin- Intoleranz

Intoleranzen sind zahlenmäßig ebenso bedeutsam wie allergisch bedingte Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten: rund 10% der Menschen, die Nahrungsmittel nicht vertragen, leiden an einer „echten“ Nahrungsmittelallergie, 40% an Kreuzallergien und 50% an Histamin- sowie Fructose- oder Lactose-Intoleranz.

Die Symptome der Histamin-Intoleranz sind denen einer allergischen Erkrankung sehr ähnlich und können leicht verwechselt werden, denn bei beiden Krankheitsbildern spielt Histamin die entscheidende Rolle.

Histamin: Mediator auf Abruf

Histamin ist eine biologisch hochpotente Substanz, die im Organismus eine Fülle von erwünschten aber auch unerwünschten Reaktionen auslöst. So ist es z.B. an der Magensäure-Produktion beteiligt, erweitert die Gefäße, hat Einfluss auf den Wach-Schlaf-Rhythmus und wird mit verbesserter Lernfunktion in Zusammenhang gebracht. Beim Auftreten allergischer Reaktionen spielt Histamin als wichtigster Entzündungsstoff jedoch auch eine zentrale Rolle.

Histamin wird vom Menschen selbst produziert, in Blut- und Gewebszellen gelagert und steht zur sofortigen Freisetzung jederzeit zur Verfügung. Es kann allerdings auch von außen in den Körper gelangen: einerseits durch Einatmen (z.B. Pollen) oder durch die Aufnahme von Speisen und Getränken. Histamin ist in fast jedem Lebensmittel enthalten, v.a. in jenen, an deren Erzeugung und Reifungsprozess Mikroorganismen beteiligt sind. Der Histamingehalt kann je nach Sorte, Reifegrad, Haltbarmachung und Lagerdauer stark schwanken. Frische Lebensmittel (mit Ausnahme von Früchten) enthalten in der Regel weniger Histamin.

Wie bei vielen anderen Substanzen auch, entscheidet beim Histamin die Dosis, ob es gut oder schlecht auf den Organismus wirkt. Histamin ist also nicht grundsätzlich schlecht, sondern die Menge macht das „Gift“.

Ursache: Ungleichgewicht Diamin-Oxidase und Histamin

Histamin wird im Organismus durch das Enzym Diamin-Oxidase (DAO) abgebaut, das vom gesunden Menschen kontinuierlich produziert wird. DAO ist hauptsächlich im Dünndarm, Leber, Nieren und in den weißen Blutzellen, bei Schwangeren zusätzlich in der Plazenta, zu finden. DAO Diamin-Oxidase ist ein empfindliches Enzym, das von verschiedenen Substanzen wie Alkohol sowie diversen Medikamenten gehemmt werden kann.

Liegt nun ein Mangel der Histamin abbauenden Diamin-Oxidase oder ein Missverhältnis zwischen Histamin und DAO vor, spricht man von einer Histamin-Intoleranz, einer Unverträglichkeit von Histamin. Symptome treten auf, wenn der Organismus mit mehr Histamin belastet wird, als er abbauen kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob der erhöhte Histaminspiegel aus Nahrungsmitteln stammt oder vom Körper selbst gebildet wird.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich Histamin addieren kann, bei Überschreiten der individuellen Toleranzgrenze treten also sehr schnell allergische oder allergieähnliche Symptome auf, die zu lebensbedrohlichen Krankheitsbildern führen können. Die schlimmste Konstellation ist jene, bei der sowohl eine echte Allergie, als auch eine Histamin-Intoleranz vorliegt: Histamin wird im Rahmen der Allergie produziert, kann aber auf Grund der Histamin-Intoleranz nicht abgebaut werden.

Frauen sind 4-mal häufiger betroffen als Männer. Vier von fünf Betroffenen sind Frauen in der Altersgruppe um die 40.

Symptome: ähnlich einer Allergie

Bei überempfindlichen Personen kann die Aufnahme großer Histaminmengen mit der Nahrung zu Allergie-ähnlichen Symptome führen. Während Histamin auf der Haut zu relativ harmlosen Beschwerden wie Juckreiz oder Quaddelbildung führt, kann in die Blutbahn gelangtes Histamin fatale Folgen haben – im Extremfall sogar einen Kreislaufschock (anaphylaktischer Schock) mit Herzstillstand.

Häufigste Beschwerden eines zu hohen Histaminspiegels sind Kopfschmerzen, Hitzegefühl, Gesichtsrötung, verlegte oder rinnende Nase, Magen-Darm-Beschwerden (z.B. flauer Magen, Magenschmerzen, Blähungen, weicher Stuhl, Durchfall), Müdigkeit, niedriger Blutdruck (Hypotonie), Herzrhythmusstörungen, Atembeschwerden und Asthmaanfälle.

Die häufigsten Auslöser von Beschwerden sind:

  • Alkoholische Getränke (insbes. Rotwein)
  • Käse (insbes. Hartkäse wie Emmentaler)
  • Schokolade (Kakao-hältige Nahrungsmittel)
  • Salami und Rohwürste
  • Nüsse
  • Tomaten
  • Sauerkraut
  • Spinat
  • Erdbeeren, Zitrusfrüchte
  • Fisch

Die wichtigsten histaminhältige Nahrungsmittel

    von – bis (max.)
Käse   Histamin (mg/kg)
Emmentaler
<
10 - 500 (2500)
Bergkäse
<
10 - 1200
Parmesan
<
10 - 580
Gauda, Edamer, Stangenkäse
<
10 - 200 (900)
Tilsiter, Geheimratskäse, Butterkäse
<
10 - 60
Österr. Blau- u. Grünschimmelkäse
<
10 - 80
Camembert, Brie
<
10 - 300 (600)
Schlosskäse, Romadour
<
10 - 100
Quargel
<
10 - 50 (390)
Frischkäse, Topfen
0
 
 
Rohwürste/Rohschinken
 
Salami
<
10 - 280
Cervelatwurst, Kantwurst
<
10 - 100
Osso Collo, Westfäler Schinken
<
10 - 300
Frischfleisch
<
1
     
Fisch/Fischprodukte    
Fisch fangfrisch
0
Frischfisch verdorben < 13000
Tiefkühlware   0 - 5 (<50)
Vollkonserven (zB Thunfisch)   0 - 15 (300)
     
Gemüse    
Tomaten (Ketchup)   22
Spinat   30 - 60
Avocado   23
Melanzane (Aubergine)   26
Sauerkraut   10 - 200


Essig   Histamin (mg/kg)
Rotweinessig
4
 
 
Alkoholische Getränke
 
Rotwein
<
3,8
Österr. Rotweine
0,06 – 0,6 (1,1)
Österr. Weißweine
0,01 – 0,12
Sekt
0,015 – 0,08
Champagner   0,67
Bier   0,025 – 0,05
Weizenbier   0,12 – 0,3
alkoholfreies Bier   0,015 – 0,04

Einzelne Stichproben österreichischer Weine (Jahrgang 2003 und 2004) weisen darauf hin, dass der Histamingehalt in den letzten Jahren tendenziell abgenommen hat. Dies trifft insbesondere für trockene Weißweine zu.

Wegen der starken Schwankungen der Histamingehalte in Lebensmitteln sind die angeführten Werte lediglich Richtwerte, die stellvertretend für bestimmte Nahrungsmittelgruppen stehen. Histamin ist hitzestabil und kann weder durch Kochen, Braten, Backen oder Mikrowellen und auch nicht durch Tiefkühlen zerstört werden.

Neben Histamin können auch andere biogene Amine (z.B. Tyramin und Phenylethylamin) klinisch gleiche Reaktionen hervorrufen.

Behandlung: Diät und Medikamente

Treten die beschriebenen Symptome nach dem Essen auf, sollte in jedem Fall ein spezialisiertes Allergie-Ambulatorium (eine Liste der österreichischen Allergie-Ambulatorien gibt es über die IGAV-Hotline unter 01/212 60 60) oder ein spezialisierter Facharzt (Dermatologe, Kinderfacharzt, HNO-Arzt, Lungenfacharzt) konsultiert werden.

Therapeutisch steht die Diät an erster Stelle. Histaminreiche, unverträgliche Nahrungsmittel werden vom Speiseplan gestrichen – was nicht immer leicht ist, vor allem wenn man im Restaurant isst oder bei Freunden eingeladen ist. Vor allem Patienten mit eher leicht ausgeprägten Symptomen wollen zudem nicht immer auf ein Stück Käse, Schokolade oder auf einen Schluck Rotwein verzichten.

Die Diät kann deshalb auch durch Medikamente, wie die Gabe von Antihistaminika, unterstützt werden. Antihistaminika blockieren die Histaminrezeptoren. Sie „setzen“ sich sozusagen anstelle des echten Histamins auf den entsprechenden Zell-Rezeptor, das Histamin kann nicht mehr "andocken" und die Beschwerden lassen nach. Modernste Antihistaminika machen auch nicht mehr müde. Außerdem kann versucht werden, das Enzym Diamin-Oxidase als Nahrungsergänzungsmittel 2x täglich, also vor den Hauptmahlzeiten einzunehmen (für dessen Wirksamkeit allerdings noch keine wissenschaftlichen Belege vorhanden sind).

Quelle: Jarisch R et al., „Histamin-Intoleranz, Histamin und Seekrankheit“, 2004, Georg Thieme Verlag Stuttgart-New York

 

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